Onboarding, das hängen bleibt: Die ersten Minuten in deinem Produkt
Neue Nutzende wollen nicht durch Tutorials klicken, sondern schnell etwas schaffen. Wie du den ersten Erfolg in deinem Produkt definierst und mit sieben Hebeln den Weg dorthin verkürzt, an einem durchgehenden Beispiel erklärt.
Stell dir eine Selbstständige vor, die abends ein neues Rechnungstool ausprobiert. Sie hat genau ein Ziel: die Rechnung für den Auftrag von letzter Woche verschicken. Nach der Registrierung erscheinen fünf Willkommensfolien mit Illustrationen. Sie wischt sie weg. Dann folgt ein Fragebogen zu Branche, Teamgröße und „Wie hast du von uns erfahren?“. Danach ein leeres Dashboard mit Diagrammen ohne Daten, über das sich eine Produkttour mit neun Sprechblasen legt. Bei Blase vier klickt sie auf „Überspringen“. Zehn Minuten später hat sie noch keine einzige Rechnung angelegt, aber schon zwei andere Tabs geöffnet. Eines davon ist die Website der Konkurrenz.
Dieses Beispiel ist erfunden, aber das Muster ist verbreitet. Viele Produkte investieren viel Arbeit in ihr Onboarding und verlieren trotzdem genau in diesem Moment die Menschen, die sich gerade erst bewusst für sie entschieden haben. Das Problem ist selten zu wenig Erklärung. Meist ist es zu viel Erklärung an der falschen Stelle und zu wenig Weg zum ersten Erfolg.
Dieser Artikel zeigt, warum klassische Tutorials oft wenig bringen, wie du den ersten Erfolg in deinem Produkt definierst und mit welchen Hebeln neue Nutzende ihn schneller erreichen. Das Rechnungstool begleitet dich dabei als durchgehendes Beispiel.
Warum die ersten Minuten so viel entscheiden
Onboarding meint alles, was Menschen hilft, ein Produkt zu verstehen und den ersten Nutzen daraus zu ziehen: von der Registrierung über die Einrichtung bis zur ersten erledigten Aufgabe. Es ist also kein einzelner Screen, sondern eine Strecke.
Auf dieser Strecke verhalten sich Menschen anders, als viele Teams es sich wünschen. John M. Carroll und Mary Beth Rosson haben das schon 1987 als „Paradox of the Active User“ beschrieben, also das Paradox der aktiven Nutzenden. Ihre Beobachtung aus Studien bei IBM: Menschen lesen keine Anleitungen, sondern legen sofort los. Sie wollen ihre aktuelle Aufgabe erledigen und überspringen Einführungen, auch wenn ihnen diese auf lange Sicht Zeit sparen würden. Jakob Nielsen hat das Paradox später bei der Nielsen Norman Group (NN/g) aufgegriffen und daraus eine klare Forderung abgeleitet: Gestalte für das Verhalten, das Menschen tatsächlich zeigen, nicht für ideal rationale Nutzende.
Für das Onboarding heißt das: Die Menschen, die gerade dein Produkt öffnen, sind nicht im Lernmodus. Sie sind im Erledigungsmodus. Jede Folie, jeder Fragebogen und jede Sprechblase steht zwischen ihnen und dem, weswegen sie gekommen sind. Gleichzeitig wissen sie noch nicht, ob sich das Produkt lohnt. Ihre Geduld ist in diesem Moment besonders knapp, weil noch nichts sie hält.
Daraus folgt das Ziel, an dem sich jedes gute Onboarding messen lassen muss: Neue Nutzende sollen so schnell wie möglich einen echten, spürbaren Erfolg haben. Nicht „die Oberfläche kennen“, sondern etwas geschafft haben, das ihnen etwas bringt.
Was Tutorials leisten und was nicht
Der Reflex vieler Teams ist eine Einführung zu Beginn: ein Karussell aus Folien, ein Video oder eine Tour, die nacheinander auf Bedienelemente zeigt. Das wirkt fürsorglich. Die Forschung ist aber ernüchternd.
Die NN/g hat 2020 in einer quantitativen Studie mit 70 Teilnehmenden vier iOS-Apps getestet. Eine Gruppe sah jeweils das Tutorial der App, die andere übersprang es. Danach lösten beide Gruppen dieselben Aufgaben. Das Ergebnis: Die Erfolgsquote lag mit 91 Prozent (mit Tutorial) und 94 Prozent (ohne) praktisch gleich auf, der Unterschied war statistisch nicht signifikant. Auch bei der Bearbeitungszeit gab es keinen signifikanten Unterschied. Signifikant war nur eines: Die Gruppe mit Tutorial bewertete die Aufgaben als schwieriger. Die Autorin Alita Kendrick fasst zusammen, dass Tutorials Menschen weder schneller noch erfolgreicher machten, und rät, bei einfachen Apps zweimal über ein Tutorial nachzudenken.
Das liegt nicht daran, dass Erklärungen grundsätzlich nutzlos wären. Es liegt am Zeitpunkt. Wer eine Folie liest, die erklärt, wie man Kundendaten importiert, hat diese Aufgabe gerade nicht vor sich. Die Information muss im Kopf gehalten werden, bis sie irgendwann gebraucht wird, und bis dahin ist sie meist vergessen. Das belastet das Arbeitsgedächtnis, ohne etwas zu bewirken.
Die NN/g unterscheidet deshalb zwischen zwei Arten proaktiver Hilfe. „Push Revelations“ erscheinen unabhängig davon, was jemand gerade tut, etwa ein Overlay beim Start. Sie werden oft ignoriert, weil sie die eigentliche Aufgabe unterbrechen. „Pull Revelations“ erscheinen dagegen im passenden Kontext, zum Beispiel ein Hinweis, der auftaucht, wenn jemand eine Funktion zum ersten Mal öffnet. Sie werden seltener ignoriert, weil sie genau dann helfen, wenn die Frage entsteht. Die Empfehlung der NN/g ist entsprechend eindeutig: Pull schlägt Push.
Ein Tutorial ist damit nicht verboten. Bei komplexen Werkzeugen oder ungewohnten Bedienkonzepten kann eine kurze Einführung sinnvoll sein. Aber sie ist das letzte Mittel, nicht das erste. Wenn ein Produkt erst erklärt werden muss, bevor jemand es benutzen kann, liegt das Problem meist in der Oberfläche, und dort sollte die Arbeit auch ansetzen.
Den ersten Erfolg definieren
Was ist der erste Erfolg in deinem Produkt?
Bevor du am Onboarding schraubst, braucht dein Team eine gemeinsame Antwort auf eine Frage: Welcher Moment zeigt einer neuen Person, dass sich das Produkt für sie lohnt? In Produktteams heißt dieser Moment oft „Aha-Moment“ oder „Activation“, die Zeit bis dorthin „Time to Value“.
Ein guter erster Erfolg erfüllt drei Bedingungen:
- Er hat einen echten Nutzen für die Person, nicht nur für deine Statistik. „Profil zu 100 Prozent ausgefüllt“ ist kein Erfolg aus Sicht der Nutzenden.
- Er ist in der ersten Sitzung erreichbar, idealerweise in wenigen Minuten.
- Er ist ein Vorgeschmack auf die regelmäßige Nutzung. Wer ihn einmal erlebt hat, versteht, warum es sich lohnt wiederzukommen.
Für das Rechnungstool ist die Antwort naheliegend: Die erste Rechnung ist verschickt oder zumindest als fertiges PDF heruntergeladen. Für ein Projektmanagement-Tool könnte es die erste Aufgabe sein, die einer anderen Person zugewiesen wurde. Für eine Lern-App die erste abgeschlossene Lektion. Für ein Analyse-Tool das erste Diagramm mit den eigenen Daten.
Hilfreich ist es, vom Job aus zu denken, den Menschen mit deinem Produkt erledigen wollen. Wer ein Rechnungstool öffnet, will nicht „Rechnungen verwalten“, sondern für erledigte Arbeit bezahlt werden, möglichst ohne Aufwand. Der erste Erfolg ist der kleinste Schritt, der diesen Job sichtbar voranbringt.
Den Weg dorthin sichtbar machen
Wenn der erste Erfolg feststeht, folgt eine einfache, aber oft unangenehme Übung: Geh als neue Person durch dein eigenes Produkt und zähl jeden Schritt bis zu diesem Erfolg. Jeder Klick, jedes Feld, jede Folie, jede Wartezeit zählt.
Im Rechnungstool sieht der Weg in der Ausgangsversion so aus:
- Registrierung mit E-Mail, Passwort und Passwortbestätigung
- E-Mail-Adresse bestätigen (Wechsel ins Postfach)
- Fünf Willkommensfolien
- Fragebogen mit vier Fragen zu Branche, Teamgröße, Ziel und Herkunft
- Firmendaten vollständig ausfüllen: Name, Adresse, Steuernummer, Bankverbindung, Logo
- Produkttour mit neun Sprechblasen
- Leeres Dashboard, der Weg zu „Neue Rechnung“ führt über das Menü
- Zuerst eine Kundin oder einen Kunden anlegen, erst dann ist eine Rechnung möglich
- Rechnung erstellen und verschicken
Neun Etappen, von denen nur die letzten beiden direkt zum Ziel beitragen. Dazu kommt mit der E-Mail-Bestätigung ein Medienbruch, nach dem viele nicht zurückkehren. Diese Liste ist das wichtigste Werkzeug für die Überarbeitung. Für jeden Schritt stellst du dieselbe Frage: Muss er vor dem ersten Erfolg passieren, oder kann er später, freiwillig oder gar nicht kommen?
Sieben Hebel für ein Onboarding, das hängen bleibt
1. Die Anmeldung nach hinten schieben
Viele Produkte verlangen ein Konto, bevor sie irgendetwas zeigen. Dabei ist die Hürde nie höher als ganz am Anfang, wenn noch niemand weiß, ob sich das Produkt lohnt. Die Alternative heißt in der Fachsprache „Gradual Engagement“ oder verzögerte Registrierung: Menschen probieren zuerst aus, und das Konto entsteht erst, wenn es etwas zu sichern gibt.
Ein gut dokumentiertes Beispiel stammt von Duolingo. Gina Gotthilf, damals für das Wachstum der Sprachlern-App verantwortlich, berichtete in einem Interview mit First Round Review von einem A/B-Test: Neue Nutzende konnten erst eine Lektion machen, bevor sie zur Registrierung aufgefordert wurden. Allein das Verschieben des Registrierungsscreens um ein paar Schritte führte laut Gotthilf zu etwa 20 Prozent mehr täglich aktiven Nutzenden.
Nicht jedes Produkt kann ohne Konto starten, etwa wenn Daten von Anfang an sicher gespeichert werden müssen. Aber auch dann lässt sich die Hürde senken. Im Rechnungstool genügt zum Start die E-Mail-Adresse oder eine Anmeldung über ein bestehendes Konto. Die Bestätigung der Adresse wird nicht mehr vorab erzwungen, sondern erst dann, wenn die erste Rechnung tatsächlich per E-Mail verschickt werden soll. Bis dahin kann die Person in Ruhe arbeiten.
2. Nur fragen, was den ersten Erfolg verbessert
Fragebögen am Anfang sind beliebt, weil sie Daten für Marketing und Vertrieb liefern. Für die Menschen, die sie ausfüllen, sind sie Arbeit ohne sichtbaren Gegenwert. Eine Frage ist im Onboarding nur dann berechtigt, wenn ihre Antwort die nächsten Minuten spürbar verbessert.
Im Rechnungstool fällt der Fragebogen deshalb fast vollständig weg. Übrig bleibt eine einzige Frage: „Stellst du Rechnungen mit oder ohne Umsatzsteuer aus?“ Die Antwort entscheidet tatsächlich darüber, wie die erste Rechnung aussieht, etwa ob ein Hinweis auf die Kleinunternehmerregelung nötig ist. Die Frage „Wie hast du von uns erfahren?“ wandert in eine spätere, freiwillige E-Mail.
Dasselbe gilt für die Firmendaten. Statt alle Angaben vorab zu verlangen, fragt das Tool sie dort ab, wo sie gebraucht werden: Name und Adresse beim Erstellen der ersten Rechnung, die Bankverbindung beim Fußbereich der Rechnung, das Logo als optionaler Schritt danach. Wie du die verbleibenden Felder so gestaltest, dass sie niemand abbricht, beschreibt der Artikel Formulare, die niemand abbricht ausführlich.
Ein Sonderfall sind Berechtigungen auf dem Smartphone, etwa für Mitteilungen, Kamera oder Standort. Apple empfiehlt in seinen Human Interface Guidelines, solche Anfragen nur dann ins Onboarding zu legen, wenn die App ohne sie nicht sinnvoll funktioniert, und sonst zu warten, bis die Situation die Berechtigung tatsächlich erfordert. Eine Anfrage für Mitteilungen ergibt im Rechnungstool erst Sinn, wenn die erste Rechnung verschickt ist: „Sollen wir dir Bescheid geben, sobald die Rechnung bezahlt ist?“ In diesem Moment ist der Nutzen offensichtlich.
3. Lernen durch Tun statt durch Folien
Wenn eine Einführung nötig ist, dann am besten als Handlung. Apple formuliert es in den Human Interface Guidelines knapp: Menschen lernen besser, indem sie Aufgaben ausführen, als indem sie Anleitungen lesen. Interaktive Einführungen bringen sie zudem direkt in die Nutzung.
Im Rechnungstool ersetzt ein geführter erster Durchlauf die fünf Folien und die neunteilige Tour. Nach der Anmeldung landet die Person nicht auf dem Dashboard, sondern direkt im Rechnungseditor, mit einer kurzen Überschrift: „Erstelle deine erste Rechnung. Dauert etwa zwei Minuten.“ Die Felder sind in der Reihenfolge angeordnet, in der sie gebraucht werden. Die Kundin oder der Kunde kann direkt im Editor angelegt werden, statt vorher einen Umweg über die Kundenverwaltung zu verlangen.
Zwei Regeln gelten für jede Art von Einführung:
- Überspringen muss immer möglich sein. Wer das Tool nur kurz ansehen will, darf nicht in einem Ablauf gefangen sein. Apple empfiehlt außerdem, ein übersprungenes Tutorial nicht bei jedem Start erneut zu zeigen, sondern es an einer auffindbaren Stelle wie der Hilfe oder den Einstellungen bereitzuhalten.
- Nichts erklären zu müssen ist besser als eine gute Erklärung. Wenn ein Schritt nur mit Sprechblase verständlich ist, prüf zuerst, ob eine klarere Beschriftung, ein besserer Button oder eine sinnvollere Reihenfolge die Erklärung überflüssig macht.
4. Leere Zustände als Startrampe nutzen
Ein neues Konto ist leer: keine Rechnungen, keine Kundschaft, keine Umsätze. Diese Situation heißt Empty State, also leerer Zustand. In vielen Produkten ist er ein Nebenprodukt, etwa eine Tabelle ohne Zeilen oder ein Diagramm mit einer flachen Nulllinie. Dabei ist er der Ort, an dem neue Nutzende am häufigsten vorbeikommen.
Kate Kaplan von der NN/g beschreibt drei Leitlinien für leere Zustände in komplexen Anwendungen: Sie sollen den Systemstatus klar machen (lädt noch, ist ein Fehler aufgetreten oder gibt es einfach noch keine Daten?), sie sollen Lernhinweise geben, und sie sollen direkte Wege zu den wichtigsten Aufgaben anbieten. Kaplan hält diesen Ansatz in den meisten Fällen für erfolgreicher als erzwungene Tutorials beim ersten Start.
So sieht das im Rechnungstool aus:
Vorher: Eine leere Tabelle mit den Spaltenköpfen „Nr.“, „Kunde“, „Betrag“, „Status“ und darunter der Text „Keine Einträge vorhanden“.
Nachher: „Hier erscheinen deine Rechnungen, sobald du die erste verschickt hast. Du siehst dann auf einen Blick, was bezahlt ist und was noch offen ist.“ Darunter ein deutlicher Button „Erste Rechnung erstellen“ und ein kleinerer Link „Bestehende Rechnungen importieren“.
Der neue Text erklärt, wofür der Bereich gut ist, und der Button führt direkt zum ersten Erfolg. Das ist gute Microcopy: kurz, konkret, aufgabenbezogen. Auf dem Dashboard gilt dasselbe. Statt leerer Diagramme zeigt es zu Beginn einen einzigen Bereich mit dem nächsten sinnvollen Schritt.
5. Mit Vorlagen und Beispieldaten starten
Ein leeres Blatt ist für viele Menschen schwerer als ein halb fertiges. Vorlagen und Beispieldaten nehmen die Hemmung vor dem ersten Schritt und zeigen gleichzeitig, wie das Ergebnis aussehen kann.
Im Rechnungstool bekommt der Editor deshalb eine vorbefüllte Rechnungsvorlage mit sinnvollen Standardwerten: das heutige Datum, eine fortlaufende Rechnungsnummer, ein Zahlungsziel von 14 Tagen und eine erste Position mit dem Platzhalter „Leistung, z. B. Webdesign für Startseite“. Die Person muss nur noch ersetzen, nicht erfinden.
Bei Beispieldaten ist eine Grenze wichtig: Sie müssen eindeutig als Beispiel erkennbar und mit einem Klick entfernbar sein. Eine Beispielrechnung, die versehentlich an eine echte Adresse geht oder in der Umsatzstatistik landet, zerstört genau das Vertrauen, das das Onboarding aufbauen soll. Ein klarer Hinweis wie „Beispiel, wird nicht verschickt“ und ein Button „Beispiele entfernen“ lösen das.
6. Hilfe im Kontext statt Tour auf Vorrat
Das Rechnungstool kann mehr als die erste Rechnung: wiederkehrende Rechnungen, Mahnungen, Angebote, Exporte für die Steuerberatung. Niemand muss das alles in der ersten Minute wissen. Hier hilft Progressive Disclosure, also das schrittweise Aufdecken von Funktionen: Informationen und Optionen erscheinen erst, wenn sie relevant werden.
Statt einer Tour, die vorab auf alles zeigt, gibt es kleine Hinweise im passenden Moment. Wenn die dritte Rechnung an dieselbe Kundin geht, erscheint ein dezenter Hinweis: „Stellst du das jeden Monat in Rechnung? Mit einer wiederkehrenden Rechnung passiert das automatisch.“ Wenn eine Rechnung das Zahlungsziel überschreitet, schlägt das Tool eine Zahlungserinnerung vor. Das sind Pull Revelations im Sinne der NN/g: Hilfe, die auf eine echte Situation antwortet.
Für solche Hinweise gelten ein paar handwerkliche Regeln:
- Ein Hinweis auf einmal. Drei Tooltips, die sich gegenseitig überlagern, sind keine Hilfe, sondern Lärm.
- Einmal geschlossen heißt geschlossen. Ein Hinweis, der nach dem Wegklicken bei jedem Besuch wiederkommt, wird zum Ärgernis.
- Barrierefrei umsetzen. Inhalte, die bei Hover oder Fokus erscheinen, müssen laut WCAG-Kriterium 1.4.13 („Content on Hover or Focus“, Stufe AA) ohne Mausbewegung schließbar sein, etwa mit der Escape-Taste. Sie dürfen nicht verschwinden, wenn der Mauszeiger auf sie bewegt wird, und sie müssen sichtbar bleiben, bis die Person sie schließt oder den Auslöser verlässt. Hinweise, die sich nach wenigen Sekunden von selbst ausblenden, sind für viele Menschen zu schnell wieder weg.
7. Fortschritt zeigen, aber ehrlich
Manche Produkte brauchen mehr als einen Schritt, bis sie wirklich nützlich sind. Dann hilft eine kurze Checkliste, die zeigt, was schon erledigt ist und was noch sinnvoll wäre. Im Rechnungstool erscheint sie erst nach dem ersten Erfolg und enthält nur drei Punkte: „Erste Rechnung erstellt“ (bereits abgehakt), „Logo hinzufügen“ und „Bankkonto für automatische Zahlungszuordnung verbinden“.
Dass der erste Punkt schon abgehakt ist, hat einen psychologischen Hintergrund. Ran Kivetz, Oleg Urminsky und Yuhuang Zheng haben 2006 im Journal of Marketing Research den sogenannten Goal-Gradient-Effekt untersucht: Menschen strengen sich umso mehr an, je näher sie einem Ziel kommen. In einem Feldversuch mit Bonuskarten eines Cafés erhielt eine Gruppe eine Karte mit zehn Feldern, die andere eine mit zwölf Feldern, von denen zwei bereits gestempelt waren. Beide mussten zehn Kaffees kaufen. Die Gruppe mit dem scheinbaren Vorsprung kam schneller ans Ziel.
Im Onboarding funktioniert das, solange der Fortschritt echt ist. Der erste Haken im Rechnungstool steht für eine tatsächlich erledigte Aufgabe. Ein Fortschrittsbalken, der künstlich bei 30 Prozent startet, oder eine Checkliste, die nach dem letzten Punkt plötzlich neue Punkte nachschiebt, kippt dagegen schnell in Manipulation. Die Faustregel: Fortschrittsanzeigen sollen die Wahrheit sagen, nur freundlich.
Onboarding endet nicht nach der ersten Sitzung
Der erste Erfolg ist ein Anfang, kein Abschluss. Die nächste kritische Stelle ist die zweite Sitzung: Kommt die Person wieder, und findet sie dann zurück zu dem, was sie beim ersten Mal geschafft hat?
Drei Dinge helfen dabei. Erstens ein Start, der an die letzte Sitzung anknüpft. Im Rechnungstool zeigt das Dashboard beim zweiten Besuch die verschickte Rechnung samt Status („Geöffnet am Dienstag, noch nicht bezahlt“) statt einer allgemeinen Begrüßung. Zweitens Nachrichten außerhalb des Produkts, die einen echten Anlass haben. Eine E-Mail „Deine Rechnung wurde bezahlt“ bringt Menschen zurück, weil sie eine gute Nachricht ist, nicht weil sie an das Produkt erinnern soll. Drittens die Möglichkeit, Hilfe später gezielt wiederzufinden. Wer die Einführung übersprungen hat, sollte sie in der Hilfe oder den Einstellungen wieder aufrufen können.
Auch für Bestandskundschaft gibt es Onboarding: Wenn eine neue Funktion erscheint, gelten dieselben Regeln. Ein Hinweis im passenden Kontext wirkt besser als ein Pop-up beim Login, das alle Neuerungen auf einmal aufzählt.
So prüfst du, ob dein Onboarding funktioniert
Ob ein Onboarding gut ist, lässt sich nicht im Team-Meeting entscheiden. Wer ein Produkt täglich benutzt, kann sich kaum noch vorstellen, wie es sich zum ersten Mal anfühlt. Zwei Methoden ergänzen sich gut.
Usability-Tests mit Menschen, die das Produkt noch nie gesehen haben. Gib ihnen eine realistische Aufgabe, die dem ersten Erfolg entspricht, etwa „Du hast letzte Woche eine Website für ein Café gebaut. Stell die Rechnung dafür.“ Dann beobachte, ohne zu helfen. Wo zögern sie? Was überspringen sie? An welcher Stelle fragen sie, was als Nächstes kommt? Schon eine Handvoll Sitzungen zeigt meist die größten Hürden.
Kennzahlen entlang der Strecke. Zähl, wie viele neue Konten den ersten Erfolg erreichen (oft Aktivierungsrate genannt), wie lange sie im Mittel dafür brauchen und an welchem Schritt die meisten aussteigen. Diese Zahlen zeigen nicht, warum etwas schiefgeht, aber sie zeigen, wo du suchen solltest. Und sie machen sichtbar, ob eine Änderung wirklich etwas verbessert hat.
Ein Hinweis zur Interpretation: Wenn viele Menschen eine Tour überspringen, ist das kein Fehler der Menschen, sondern eine Information über die Tour. Und wenn ein Schritt eine hohe Abbruchrate hat, ist die erste Frage nicht „Wie erklären wir ihn besser?“, sondern „Brauchen wir ihn an dieser Stelle überhaupt?“
Fazit
Im überarbeiteten Rechnungstool landet die Selbstständige aus dem Beispiel nach der Anmeldung mit ihrer E-Mail-Adresse direkt im Editor. Eine einzige Frage zur Umsatzsteuer passt die Vorlage an, die Felder sind vorbefüllt, die Kundin wird direkt in der Rechnung angelegt. Nach wenigen Minuten liegt das erste PDF vor ihr. Erst jetzt bestätigt sie ihre E-Mail-Adresse, weil sie die Rechnung verschicken will. Eine kurze Checkliste schlägt die nächsten sinnvollen Schritte vor, und die übrigen Funktionen begegnen ihr dann, wenn sie sie brauchen.
Aus neun Etappen sind im Kern zwei geworden: anmelden und die erste Rechnung erstellen. Nichts davon ist spektakulär, und genau das ist der Punkt. Gutes Onboarding fühlt sich nicht wie Onboarding an. Es fühlt sich an, als hätte das Produkt verstanden, weswegen man gekommen ist.
Wenn du nur eine Sache aus diesem Artikel mitnimmst, dann diese: Definiere den ersten Erfolg in deinem Produkt, zähl die Schritte bis dorthin, und streich alles, was nicht unbedingt davor passieren muss.
Checkliste
- Das Team hat den ersten Erfolg klar definiert, aus Sicht der Nutzenden und in der ersten Sitzung erreichbar.
- Alle Schritte bis zum ersten Erfolg sind aufgelistet, und jeder davon ist wirklich nötig.
- Die Registrierung ist so spät und so kurz wie möglich, E-Mail-Bestätigungen blockieren nicht den Einstieg.
- Fragen im Onboarding verbessern direkt die nächsten Minuten, alles andere kommt später.
- Berechtigungen werden erst angefragt, wenn ihr Nutzen offensichtlich ist.
- Einführungen sind interaktiv, kurz und jederzeit überspringbar, und sie lassen sich später wiederfinden.
- Leere Zustände erklären, wofür ein Bereich gut ist, und führen mit einem Button zur nächsten Aufgabe.
- Vorlagen und Beispieldaten erleichtern den Start und sind klar als Beispiel gekennzeichnet.
- Hinweise erscheinen im passenden Kontext, einzeln und barrierefrei.
- Fortschrittsanzeigen und Checklisten sind ehrlich.
- Neue Personen haben das Onboarding im Usability-Test durchlaufen, und Aktivierungsrate sowie Abbrüche pro Schritt werden gemessen.
Quellen
- Nielsen Norman Group: Mobile Tutorials: Wasted Effort or Efficiency Boost?
- Nielsen Norman Group: Paradox of the Active User
- Nielsen Norman Group: Help and Documentation (Usability Heuristic #10)
- Nielsen Norman Group: Designing Empty States in Complex Applications: 3 Guidelines
- Apple Human Interface Guidelines: Onboarding
- First Round Review: The Tenets of A/B Testing from Duolingo’s Master Growth Hacker
- Kivetz, Urminsky, Zheng (2006): The Goal-Gradient Hypothesis Resurrected, Journal of Marketing Research
- W3C: Understanding Success Criterion 1.4.13 Content on Hover or Focus