Alternativtexte, die wirklich helfen: So beschreibst du Bilder für alle
Ein guter Alternativtext beschreibt nicht, was auf einem Bild zu sehen ist, sondern was es an dieser Stelle leistet. Wie du dekorative, informative, funktionale und komplexe Bilder richtig beschreibst und welche Mythen du vergessen kannst.
Stell dir die Produktseite eines kleinen Onlineshops für Outdoor-Ausrüstung vor. Nennen wir ihn „Gipfelglück“. Jemand, der nicht sehen kann, besucht die Seite mit einem Screenreader und lässt sie sich vorlesen. Das klingt ungefähr so: „Link, Grafik, Logo.“ Dann: „Grafik, IMG Unterstrich 4711 Punkt JPG.“ Dann ein Schalter ohne Namen, gleich danach noch einer. Unter dem Produktfoto folgt „Grafik, rote Regenjacke Damen kaufen günstig wasserdicht Regenjacke rot“. Und am Ende der Seite steht ein Diagramm, das die Wassersäule von vier Jacken vergleicht. Vorgelesen wird nur: „Grafik, Diagramm.“
Wer die Seite sieht, merkt von all dem nichts. Wer sie hört, weiß nach einer Minute weder, wie die Jacke aussieht, noch, welcher Knopf sie in den Warenkorb legt, noch, ob sie dichter ist als das günstigere Modell. Kaufen wird diese Person woanders.
Dieser Artikel zeigt, wie du Alternativtexte schreibst, die Menschen tatsächlich weiterhelfen. Es geht um die Anforderung der WCAG, den Entscheidungsbaum des W3C, die verschiedenen Arten von Bildern und um ein paar hartnäckige Mythen, etwa zur Länge. Gipfelglück dient dabei als durchgehendes Beispiel. Der Shop ist erfunden, aber typisch.
Was ein Alternativtext ist und was er leisten muss
Ein Alternativtext ist eine kurze Textfassung eines Bildes. Im HTML steht er im alt-Attribut des Bildes. Ein Screenreader, also eine Software, die Bildschirminhalte vorliest oder auf einer Braillezeile ausgibt, liest diesen Text an der Stelle des Bildes vor. Auch Suchmaschinen werten ihn aus, und Browser zeigen ihn an, wenn ein Bild nicht geladen werden kann.
Die Grundlage dafür steht in den Web Content Accessibility Guidelines, kurz WCAG. Das allererste Erfolgskriterium, 1.1.1 „Nicht-Text-Inhalt“, verlangt sinngemäß: Alle Inhalte, die kein Text sind, brauchen eine Textalternative, die denselben Zweck erfüllt. Es gehört zur Stufe A, also zu den Mindestanforderungen. Zwei Ausnahmen sind für den Alltag besonders wichtig. Bedienelemente wie Buttons brauchen einen Namen, der ihren Zweck beschreibt. Und rein dekorative Inhalte sollen so eingebunden sein, dass Hilfstechnologien sie ignorieren können.
Entscheidend ist das Wort „Zweck“. Ein Alternativtext soll nicht beschreiben, was auf einem Bild zu sehen ist, sondern das leisten, was das Bild an dieser Stelle leistet. Das klingt nach Haarspalterei, ist aber der Schlüssel zu fast allen Fragen, die in diesem Artikel folgen.
Wie viel hier im Argen liegt, zeigt die jährliche Auswertung „WebAIM Million“. WebAIM ist ein gemeinnütziges Zentrum an der Utah State University, das sich seit 1999 mit digitaler Barrierefreiheit beschäftigt. Für den Bericht werden die Startseiten der eine Million meistbesuchten Websites automatisiert geprüft. Im Bericht von 2026 fehlte auf 53,1 Prozent dieser Startseiten mindestens ein Alternativtext. Im Schnitt hatte eine Startseite 66,6 Bilder, und bei 16,2 Prozent davon fehlte der Alternativtext. Fehlende Alternativtexte waren damit der zweithäufigste Fehler nach zu schwachem Kontrast.
Der Entscheidungsbaum des W3C
Die Web Accessibility Initiative (WAI) des W3C bietet einen Entscheidungsbaum an, der für die meisten Bilder schnell zur richtigen Lösung führt. Er besteht im Kern aus vier Fragen, die du der Reihe nach stellst:
- Enthält das Bild Text? Steht derselbe Text ohnehin daneben oder dient er nur der Optik, bekommt das Bild ein leeres Alt-Attribut. Hat der Text eine Funktion, etwa als Symbol, beschreibt der Alternativtext diese Funktion. Gibt es den Text sonst nirgends, gehört er wörtlich in den Alternativtext.
- Ist das Bild Teil eines Links oder Buttons, und wäre ohne das Bild unklar, was dieser tut? Dann beschreibt der Alternativtext das Ziel des Links oder die Aktion.
- Trägt das Bild Bedeutung zur Seite bei? Bei einfachen Fotos und Grafiken reicht eine kurze Beschreibung dieser Bedeutung. Bei Diagrammen und komplexen Informationen gehört der Inhalt zusätzlich an eine andere Stelle der Seite. Wiederholt das Bild nur Text, der daneben steht, bleibt das Alt-Attribut leer.
- Ist das Bild rein dekorativ? Dann bekommt es ein leeres Alt-Attribut.
Passt ein Bild in keine dieser Kategorien, verweist der Baum auf das ausführliche Bilder-Tutorial der WAI. Für den Alltag reicht er aber erstaunlich oft. Vor allem zwingt er dich, die richtige Frage zu stellen: nicht „Was ist auf dem Bild?“, sondern „Was tut das Bild hier?“
Dekorativ, informativ, funktional: die drei Grundtypen
Das Tutorial der WAI unterscheidet insgesamt sieben Arten von Bildern. Drei davon begegnen dir ständig.
Dekorative Bilder
Dekorativ ist ein Bild, wenn es nichts zum Verständnis der Seite beiträgt: eine Wellenlinie als Trenner, ein unscharfes Bergpanorama hinter der Überschrift, ein Stockfoto, das nur Stimmung erzeugt. Solche Bilder bekommen ein leeres Alt-Attribut, also alt="". Screenreader überspringen sie dann.
Wichtig ist der Unterschied zwischen leer und fehlend. Ein leeres Attribut sagt: „Dieses Bild kannst du ignorieren.“ Ein fehlendes Attribut sagt gar nichts, und manche Screenreader lesen dann ersatzweise den Dateinamen vor. Daher kommt das „IMG Unterstrich 4711 Punkt JPG“ aus dem Beispiel. Umgekehrt ist ein Alternativtext für ein dekoratives Bild laut WCAG ebenfalls ein Fehler, weil er Menschen mit Screenreader vom eigentlichen Inhalt ablenkt.
Informative Bilder
Informative Bilder vermitteln etwas, das für die Seite wichtig ist: das Produktfoto, das Porträt in einem Interview, das Foto vom Unfallort in einer Nachricht. Hier beschreibt der Alternativtext kurz die Information, um die es geht. WebAIM empfiehlt dafür: meist nur ein paar Wörter, selten ein oder zwei kurze Sätze.
Funktionale Bilder
Funktional ist ein Bild, wenn es in einem Link oder Button steckt. Dann ist der Alternativtext das Einzige, was ein Screenreader über diesen Link oder Button erfährt. Er muss deshalb die Funktion beschreiben, nicht das Aussehen. Die WAI nennt zwei klassische Beispiele: Ein verlinktes Logo ohne weiteren Linktext bekommt etwas wie „W3C Startseite“, ein Druckersymbol auf einem Button bekommt „Diese Seite drucken“. Steht neben dem Logo im selben Link schon der Name als Text, bleibt das Alt-Attribut des Logos leer, damit nichts doppelt vorgelesen wird.
Formulierungen wie „Link zu …“ oder „Hier klicken für …“ brauchst du nicht. Der Screenreader sagt ohnehin an, dass es sich um einen Link handelt. Bei Symbolbuttons, die als SVG oder Icon-Font umgesetzt sind, gibt es oft gar kein alt-Attribut. Der Name kommt dann zum Beispiel über ARIA oder über visuell versteckten Text. Die Regel bleibt dieselbe: Der Name beschreibt, was passiert.
Bei Gipfelglück sieht das so aus:
- Vorher: Logo im Kopfbereich mit
alt="Logo". Warenkorb-Symbol und Herz-Symbol als Buttons ohne Namen. - Nachher: Logo mit
alt="Gipfelglück Startseite". Die Buttons heißen „Warenkorb, 2 Artikel“ und „Auf die Merkliste“.
Bilder von Text und komplexe Bilder
Zwei weitere Typen tauchen in Shops und Magazinen regelmäßig auf. Bilder, die Text zeigen, sollte man laut WAI grundsätzlich vermeiden, Logos ausgenommen. Lässt es sich nicht vermeiden, enthält der Alternativtext genau die Wörter aus dem Bild. Bei Gipfelglück steckte die Größentabelle als Grafik auf der Produktseite. Besser ist hier eine echte HTML-Tabelle, die alle lesen, vergrößern und durchsuchen können.
Komplexe Bilder sind Diagramme, Karten oder Schaubilder. Für sie empfiehlt die WAI eine zweiteilige Lösung. Der Alternativtext benennt kurz, was das Bild zeigt, und sagt, wo die ausführliche Beschreibung steht. Die ausführliche Beschreibung selbst liegt im normalen Seitentext, etwa direkt unter dem Diagramm, in einer Bildunterschrift mit figure und figcaption oder auf einer eigenen, verlinkten Seite. Bei Diagrammen mit Zahlen ist eine Datentabelle meist die beste Langfassung.
Das ältere Attribut longdesc für lange Beschreibungen gilt bei WebAIM als veraltet und sollte nicht mehr verwendet werden. Auch aria-describedby hat eine Grenze: Die WAI weist darauf hin, dass der verknüpfte Inhalt wie ein einziger, durchgehender Absatz vorgelesen wird. Überschriften oder Tabellen gehen dabei verloren.
Das Wassersäulen-Diagramm von Gipfelglück bekommt deshalb den Alternativtext „Balkendiagramm: Wassersäule von vier Regenjacken im Vergleich, Werte in der Tabelle darunter“. Direkt unter dem Diagramm steht eine kleine Tabelle mit den vier Jacken und ihren Werten. Davon profitieren übrigens auch Menschen, die das Diagramm sehen, aber die genauen Zahlen ablesen wollen.
Kontext entscheidet: ein Foto, drei Alternativtexte
Weil der Alternativtext den Zweck eines Bildes wiedergibt, gibt es für ein Foto nicht den einen richtigen Text. Es kommt darauf an, wo es steht. WebAIM zeigt das an einem Foto der Astronautin Ellen Ochoa. Steht das Bild neben einem Text über ihre Leistungen, reicht „Astronautin Ellen Ochoa“. Steht direkt daneben die Bildunterschrift „Ellen Ochoa, Astronautin“, ist ein leeres Alt-Attribut die beste Wahl, weil sonst alles doppelt vorgelesen wird.
Auch die Forschung stützt das. Abigale Stangl, Meredith Ringel Morris und Danna Gurari haben 2020 für die Konferenz CHI 28 blinde und sehbehinderte Menschen dazu befragt, was sie von Bildbeschreibungen erwarten. Die Bilder stammten unter anderem von Nachrichtenseiten, sozialen Netzwerken, Onlineshops, Jobportalen und Datingplattformen. Das Ergebnis: Welche Details gewünscht sind, hängt stark davon ab, wo ein Bild erscheint und wozu jemand es gerade betrachtet.
Gipfelglück verwendet dasselbe Foto an drei Stellen: eine Frau in einer roten Regenjacke auf einem Bergkamm, im Hintergrund dichte Wolken. Je nach Ort braucht es einen anderen Text:
- Produktseite: Hier geht es um die Jacke. „Rote Regenjacke mit Kapuze und hohem Kragen, getragen bei Regen im Gebirge, der Saum reicht knapp über die Hüfte.“
- Magazinartikel über Gewitter in den Alpen: Hier geht es um das Wetter. „Wanderin auf einem Grat bei starkem Regen, tief hängende Wolken verdecken die Gipfel.“
- Teamseite: Hier geht es um die Person. „Lena, Produktmanagerin bei Gipfelglück, beim Test einer Regenjacke im Allgäu.“
Keiner dieser Texte ist falsch. Falsch wäre, einen davon an allen drei Stellen zu verwenden. Genau das passiert aber, wenn der Alternativtext nur einmal in der Mediathek hinterlegt wird und von dort überall hin wandert.
Wie lang darf ein Alternativtext sein?
Kaum eine Regel zu Alternativtexten wird so oft wiederholt wie diese: „Maximal 125 Zeichen, weil Screenreader danach abschneiden.“ Sie steht in Styleguides, in SEO-Ratgebern und in den Hilfetexten mancher Tools. Belegt ist sie nicht. Weder die WCAG noch die HTML-Spezifikation nennen eine Zeichengrenze.
Der Accessibility-Experte Eric Eggert, der früher mit der WAI an deren Dokumentation gearbeitet und den Entscheidungsbaum mit herausgegeben hat, ist der Behauptung 2022 nachgegangen. Sein Ergebnis: Kein Screenreader schneidet Alternativtexte einfach ab. Der Screenreader JAWS teilt lange Texte lediglich in mehrere kürzere Abschnitte auf. Eggert vermutet, dass die 125-Zeichen-Regel aus genau diesem Aufteilen entstanden ist, das jemand für ein Abschneiden gehalten hat. Die Zahl ist also Folklore, keine technische Grenze.
Das heißt nicht, dass lange Alternativtexte eine gute Idee sind. Die Faustregel von Eggert trifft es gut: so knapp wie möglich, so ausführlich wie nötig. Wenn du merkst, dass du mehr als zwei Sätze brauchst, ist das meist ein Zeichen für ein komplexes Bild. Dann gehört die Beschreibung in den Seitentext, wo sie Absätze, Listen und Tabellen haben darf. Ein brauchbarer Test, ebenfalls von Eggert: Würde dein Text am Telefon reichen, damit sich jemand ungefähr vorstellen kann, was das Bild an dieser Stelle zeigt?
Warum „Bild von“ überflüssig ist
Viele Alternativtexte beginnen mit „Bild von“, „Foto von“ oder „Grafik mit“. Das ist gut gemeint, aber doppelt. Screenreader kündigen ein Bild bereits als Grafik oder Bild an. Wer „Grafik, Bild von einer Regenjacke“ hört, bekommt dieselbe Information zweimal. WebAIM rät deshalb ausdrücklich von solchen Einleitungen ab.
Es gibt eine Ausnahme: wenn die Art des Bildes selbst wichtig ist. Bei einem Gemälde, einer Illustration, einem Screenshot oder einem historischen Foto kann genau das die Information sein. „Ölgemälde: Sturm über dem Watzmann“ ist sinnvoll, „Bild: Sturm über dem Watzmann“ nicht. Auch das Wort „Logo“ ist laut WebAIM meist überflüssig, weil es weder zum Inhalt noch zur Funktion beiträgt.
Wie verbreitet solche Platzhalter sind, zeigt wieder die WebAIM Million: Bei 10,8 Prozent der Bilder, die überhaupt einen Alternativtext hatten, war dieser fragwürdig oder wiederholte sich. Gemeint sind Werte wie „Bild“, „Grafik“ oder „leer“, Dateinamen und Texte, die nur wiederholen, was direkt daneben steht.
KI-generierte Alternativtexte: hilfreich, aber nicht fertig
Automatisch erzeugte Bildbeschreibungen gibt es schon länger. Facebook hat 2017 eine Studie zu seinem „Automatic Alt-text“ veröffentlicht, das per Bilderkennung Gesichter, Objekte und Themen benennt. In einem zweiwöchigen Feldversuch mit rund 9.000 Menschen, die die iOS-App mit VoiceOver nutzten, empfand die Testgruppe Fotos als leichter verständlich. Seitdem sind die Modelle deutlich besser geworden. Mozilla hat 2024 begonnen, im PDF-Editor von Firefox ein lokal laufendes Modell für Alternativtexte zu testen.
Gerade an diesem Beispiel lässt sich gut ablesen, wo die Grenzen liegen. Mozilla schreibt selbst, der eigene Generator sei „far from perfect“, und baut den Ablauf so, dass Menschen den Vorschlag prüfen und bestätigen. Der Entwurf soll ihnen helfen, sich beim Überarbeiten auf fehlenden Kontext und fehlende Details zu konzentrieren.
Kontext ist genau das, was einem Bildmodell fehlt, wenn es nur das Bild bekommt. Es sieht Pixel, nicht den Zweck. Es weiß nicht, ob das Foto auf der Produktseite oder im Gewitterartikel steht, ob es dekorativ ist oder ob die Frau darauf Lena heißt. Ananya Gubbi Mohanbabu und Amy Pavel haben 2024 auf der Konferenz ASSETS gezeigt, dass Beschreibungen besser ankommen, wenn das Modell den umgebenden Seiteninhalt einbezieht. Die zwölf blinden und sehbehinderten Teilnehmenden bewerteten solche kontextbezogenen Beschreibungen deutlich besser als kontextfreie.
Für die Praxis heißt das:
- KI-Vorschläge sind ein Entwurf, kein Ergebnis. Ein Mensch, der weiß, warum das Bild auf der Seite ist, prüft und kürzt sie.
- Ob ein Bild dekorativ ist, entscheidet ein Mensch. Ein Modell beschreibt im Zweifel auch die Wellenlinie.
- Bei funktionalen Bildern hilft eine Bildbeschreibung wenig. Ein Modell sieht ein Herz, gemeint ist „Auf die Merkliste“.
- Namen, Produktbezeichnungen und Fakten, die nicht im Bild stehen, musst du ergänzen.
SEO ist ein Nebeneffekt, nicht das Ziel
Alternativtexte haben einen Ruf als SEO-Werkzeug, und ganz falsch ist das nicht. Google schreibt in seinen Richtlinien für die Bildersuche, dass es Alternativtexte zusammen mit Bilderkennung und dem Inhalt der Seite nutzt, um zu verstehen, worum es auf einem Bild geht. Bei verlinkten Bildern dient der Alternativtext zudem als Linktext.
Im selben Atemzug warnt Google aber vor Keyword-Stuffing im Alt-Attribut. Das führe zu einer schlechten Nutzungserfahrung und könne dazu führen, dass eine Website als Spam eingestuft wird. Googles eigenes Beispiel: Statt einer Aneinanderreihung von Begriffen rund um Hunde und Hundefutter ist „Dalmatinerwelpe beim Apportieren“ die beste Variante. WebAIM formuliert es grundsätzlicher: Alternativtexte sind nicht dafür da, Informationen für Suchmaschinen unterzubringen.
Bei Gipfelglück löst sich der vermeintliche Konflikt von selbst:
- Vorher: „rote Regenjacke Damen kaufen günstig wasserdicht Regenjacke rot“
- Nachher: „Rote Regenjacke mit Kapuze und hohem Kragen, getragen bei Regen im Gebirge, der Saum reicht knapp über die Hüfte.“
Die zweite Fassung enthält die relevanten Begriffe ganz natürlich und hilft Menschen, die die Jacke nicht sehen können. Wer für Menschen schreibt, schreibt meist auch für Suchmaschinen gut genug.
Alternativtexte im Redaktionsalltag
Gute Alternativtexte scheitern selten am Wissen, sondern am Ablauf. Bilder werden unter Zeitdruck hochgeladen, das Alt-Feld ist optional oder versteckt, und wer den Text schreibt, weiß oft nicht, wo das Bild später landet. Ein paar Stellschrauben helfen:
Den Alternativtext dort schreiben, wo das Bild verwendet wird. Viele Redaktionssysteme bieten in der Mediathek ein Feld für den Alternativtext an. Das ist als Vorschlag nützlich, aber wie das Beispiel mit der roten Jacke zeigt, braucht ein Bild an verschiedenen Stellen oft verschiedene Texte. Prüfe, ob dein System einen Alternativtext pro Verwendung erlaubt und ob ein Wert aus der Mediathek beim Einfügen kopiert oder später automatisch übernommen wird. Davon hängt ab, wo Änderungen wirken.
„Dekorativ“ als bewusste Entscheidung anbieten. Ein leeres Feld ist mehrdeutig: vergessen oder absichtlich leer? Besser ist eine Option wie „Bild ist dekorativ“, die das Alt-Attribut bewusst leer setzt. Ein reines Pflichtfeld ohne diese Option führt dagegen schnell zu Platzhaltern wie „Bild“, die niemandem helfen.
Die richtigen Menschen schreiben lassen. Den Zweck eines Bildes kennt am besten, wer es ausgewählt hat. Das ist meist die Redaktion oder das Produktteam, selten die Entwicklung. Die Entwicklung kümmert sich dafür um Logos, Symbolbuttons und Komponenten, die in einem Design System einmal richtig gebaut und dann überall wiederverwendet werden.
Kurze Hilfe direkt im Eingabefeld. Ein Satz wie „Was soll jemand an dieser Stelle über das Bild wissen?“ wirkt oft mehr als eine lange Richtlinie im Wiki.
Stichproben mit dem Screenreader. Automatische Prüfwerkzeuge erkennen fehlende Alternativtexte zuverlässig, aber nicht, ob ein vorhandener Text sinnvoll ist. Ein paar Minuten mit NVDA, VoiceOver oder TalkBack an einer typischen Seite zeigen mehr als jeder Bericht. Wie solche Prüfungen aussehen, beschreibt der Artikel Accessibility-Prüfung: Werkzeuge und Methoden.
Für Onlineshops wie Gipfelglück kommt seit dem 28. Juni 2025 das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz hinzu. Was es konkret verlangt, steht im Artikel BFSG in der Praxis. Gute Alternativtexte sind dabei einer der einfachsten Schritte, weil sie wenig kosten und sofort wirken.
Grenzen und Fallstricke
Alternativtexte lösen viel, aber nicht alles. Einige Fallen tauchen in der Praxis immer wieder auf.
Bilder, die kein img sind. Hintergrundbilder aus CSS, Icon-Fonts und manche SVG-Grafiken haben kein Alt-Attribut. Solange sie dekorativ sind, ist das in Ordnung. Tragen sie Information, etwa ein Banner mit „Heute 20 Prozent auf alle Jacken“ als Hintergrundbild, fehlt diese Information für alle, die den Bildschirm nicht sehen.
Doppelte Information. Wenn Bildunterschrift und Alternativtext dasselbe sagen, hört man alles zweimal. WebAIM empfiehlt, den Inhalt einer Bildunterschrift nicht im Alternativtext zu wiederholen. Der Alternativtext ergänzt dann nur, was die Bildunterschrift nicht sagt.
Zu viel Interpretation. Ein Alternativtext beschreibt, was für den Zweck wichtig ist, und bewertet möglichst wenig. „Glückliche Kundin“ ist eine Behauptung, „Frau lacht und hält eine Tasse Tee in der Hand“ eine Beschreibung. Wo Stimmung tatsächlich der Zweck eines Bildes ist, darf sie aber auch beschrieben werden.
Bilder ganz ersetzen wollen. Manche Inhalte lassen sich in einem Satz nicht wiedergeben, etwa ein detaillierter Lageplan oder eine Infografik mit zwanzig Werten. Hier hilft kein besserer Alternativtext, sondern ein anderes Format: eine Tabelle, eine Liste, ein Absatz. Mehr zu den vielen Facetten jenseits von Bildern steht im Artikel Warum Barrierefreiheit mehr als Kontrast und Größe ist.
Fazit
Ein guter Alternativtext beantwortet eine einzige Frage: Was soll jemand, der das Bild nicht sieht, an dieser Stelle darüber wissen? Bei dekorativen Bildern lautet die Antwort „nichts“, und das Alt-Attribut bleibt bewusst leer. Bei informativen Bildern ist es die Kernaussage, bei funktionalen Bildern das Ziel oder die Aktion, bei komplexen Bildern ein kurzer Hinweis plus eine ausführliche Fassung im Seitentext.
Gipfelglück hat für die Überarbeitung keine neue Technik gebraucht. Das Logo führt jetzt hörbar zur Startseite, die Buttons haben Namen, die Jacke wird beschrieben statt verschlagwortet, und das Diagramm hat eine Tabelle bekommen. Dasselbe Foto erzählt auf der Produktseite von der Jacke und im Magazin vom Wetter. Die Seite klingt jetzt so, wie sie aussieht. Und das ist am Ende der ganze Anspruch.
Checkliste
- Jedes
imghat ein Alt-Attribut, dekorative Bilder ein bewusst leeres. - Der Alternativtext beschreibt den Zweck des Bildes an dieser Stelle, nicht nur seinen Inhalt.
- Verlinkte Bilder und Symbolbuttons nennen Ziel oder Aktion, etwa „Gipfelglück Startseite“ oder „Auf die Merkliste“.
- Text in Bildern steht wörtlich im Alternativtext oder, besser, als echter Text auf der Seite.
- Diagramme haben einen kurzen Alternativtext und eine ausführliche Fassung, idealerweise als Tabelle.
- Kein „Bild von“, kein „Logo“, kein Dateiname, außer die Art des Bildes ist selbst wichtig.
- Bildunterschrift und Alternativtext wiederholen sich nicht.
- Länge folgt dem Bedarf: so knapp wie möglich, so ausführlich wie nötig, ohne feste Zeichengrenze.
- KI-Vorschläge werden von einem Menschen geprüft, der den Kontext kennt.
- Keine Keyword-Listen im Alt-Attribut.
- Das CMS erlaubt Alternativtexte pro Verwendung und eine ausdrückliche Option für dekorative Bilder.
- Typische Seiten werden regelmäßig stichprobenartig mit einem Screenreader angehört.
Quellen
- W3C: Understanding Success Criterion 1.1.1: Non-text Content. Web Content Accessibility Guidelines 2.2
- Eric Eggert und Shadi Abou-Zahra, W3C WAI (2024): An alt Decision Tree. Images Tutorial
- W3C WAI: Images Tutorial
- W3C WAI: Functional Images. Images Tutorial
- W3C WAI: Complex Images. Images Tutorial
- WebAIM: Alternative Text
- WebAIM (2026): The WebAIM Million. The 2026 report on the accessibility of the top 1,000,000 home pages
- Eric Eggert (2022): There is no character limit for „alt text“. yatil.net
- Abigale Stangl, Meredith Ringel Morris und Danna Gurari (2020): „Person, Shoes, Tree. Is the Person Naked?“ What People with Vision Impairments Want in Image Descriptions. Proceedings of CHI 2020, 1 bis 13
- Shaomei Wu, Jeffrey Wieland, Omid Farivar und Julie Schiller (2017): Automatic Alt-text: Computer-generated Image Descriptions for Blind Users on a Social Network Service. Proceedings of CSCW 2017, 1180 bis 1192
- Tarek Ziadé (2024): Experimenting with local alt text generation in Firefox Nightly. Mozilla Hacks
- Ananya Gubbi Mohanbabu und Amy Pavel (2024): Context-Aware Image Descriptions for Web Accessibility. Proceedings of ASSETS 2024
- Google Search Central: Google Images SEO Best Practices