UX-Glossar · engl. Working Memory
Arbeitsgedächtnis
Das Arbeitsgedächtnis hält Informationen für kurze Zeit fest, damit du mit ihnen arbeiten kannst. Es fasst nur wenig, deshalb sollten Interfaces möglichst wenig Merkarbeit verlangen.
Stell dir vor, du meldest dich bei deinem Online-Banking an. Die App schickt dir einen sechsstelligen Code per SMS. Du wechselst in die Nachrichten-App, liest den Code, wechselst zurück, und plötzlich bist du dir bei der vierten Ziffer nicht mehr sicher. Also noch einmal zurück. Für ein paar Sekunden musstest du sechs Zahlen im Kopf behalten, und schon das war knapp.
Der Ort, an dem du sie gehalten hast, heißt Arbeitsgedächtnis.
Einfach erklärt
Das Arbeitsgedächtnis ist der Teil unseres Gedächtnisses, in dem wir Informationen für einen kurzen Moment festhalten und gleichzeitig mit ihnen arbeiten. Ein guter Vergleich ist ein kleiner Notizzettel neben der Tastatur: Du schreibst kurz etwas auf, nutzt es und wirfst den Zettel dann weg. Nur ist dieser Zettel winzig, und was nicht ständig wiederholt wird, verblasst schnell.
Das bekannteste Modell dazu stammt von den Psychologen Alan Baddeley und Graham Hitch aus dem Jahr 1974. Es teilt das Arbeitsgedächtnis in mehrere Bausteine: eine phonologische Schleife für Sprache und Klang, einen visuell-räumlichen Notizblock für Bilder und Positionen und eine zentrale Exekutive, die die Aufmerksamkeit steuert. Im Jahr 2000 ergänzte Baddeley einen vierten Baustein, den episodischen Puffer, der Informationen aus verschiedenen Quellen zu einem Gesamtbild verknüpft.
Arbeitsgedächtnis und Kurzzeitgedächtnis
Die Begriffe werden oft gleichgesetzt, meinen aber nicht ganz dasselbe. Das Kurzzeitgedächtnis beschreibt vor allem, dass wir etwas kurz speichern. Das Arbeitsgedächtnis betont, dass wir mit diesen Informationen gleichzeitig etwas tun: vergleichen, rechnen, entscheiden. Mehr zu den Grundlagen im Artikel Grundlagen menschlicher Wahrnehmung: Das Kurzzeitgedächtnis.
Wie viel hineinpasst, ist umstritten. Die oft zitierte Zahl „sieben plus minus zwei“ geht auf George Miller und das Jahr 1956 zurück. Der Psychologe Nelson Cowan kam 2001 nach Auswertung vieler Studien zu einer kleineren Grenze von etwa vier Informationseinheiten, sogenannten Chunks. Die genaue Zahl hängt von der Aufgabe und vom Menschen ab. Klar ist: Viel Platz ist nicht.
Für das Design heißt das: Jede Information, die sich Menschen über mehrere Schritte merken müssen, erhöht die Cognitive Load, also die geistige Belastung. Ist das Arbeitsgedächtnis voll, passieren Fehler, oder Menschen müssen zurückspringen.
Ein Beispiel
Ein Beispiel: Ein Vergleichsportal für Handytarife zeigt jeden Tarif auf einer eigenen Detailseite. Wer drei Tarife vergleichen will, muss sich Preis, Datenvolumen und Laufzeit merken, während er zwischen den Seiten hin und her springt. Viele verlieren den Überblick.
Nach der Überarbeitung lassen sich Tarife mit einem Klick auf eine Merkliste setzen und in einer Vergleichstabelle nebeneinander ansehen. Die Information liegt jetzt auf dem Bildschirm statt im Kopf.
In der Praxis
- Zeig, statt merken zu lassen. Wichtige Angaben aus vorherigen Schritten sollten sichtbar bleiben, etwa eine Zusammenfassung im Bestellprozess. Viele Beispiele dafür bündelt der Artikel Formulare, die niemand abbricht.
- Gruppiere Informationen. Eine IBAN in Vierergruppen oder eine Telefonnummer in Blöcken ist leichter zu erfassen als eine lange Ziffernkette.
- Biete Werkzeuge als externes Gedächtnis. Merklisten, Vergleichstabellen und automatisch eingefügte Codes nehmen dem Kopf Arbeit ab.
Verwandte Begriffe
Cognitive Load, Miller’s Law, Progressive Disclosure, Mentales Modell
Quellen
- Alan Baddeley und Graham Hitch: Working Memory. Psychology of Learning and Motivation 8, 1974
- Alan Baddeley: The episodic buffer: a new component of working memory? Trends in Cognitive Sciences 4 (11), 2000
- Nelson Cowan: The magical number 4 in short-term memory: A reconsideration of mental storage capacity. Behavioral and Brain Sciences 24 (1), 2001
- Raluca Budiu: Working Memory and External Memory. Nielsen Norman Group, 2018