UX-Glossar · engl. Eye Tracking
Eye Tracking
Eye Tracking (Blickverfolgung) misst, wohin Menschen auf einem Bildschirm schauen, wie lange und in welcher Reihenfolge. So siehst du, was wahrgenommen und was übersehen wird.
Stell dir vor, auf einer Produktseite steht der wichtigste Hinweis, „Versand nur innerhalb Deutschlands“, in einem Kasten rechts neben dem Text. Trotzdem kommen ständig Anfragen aus Österreich. Haben die Menschen den Hinweis gelesen und ignoriert? Oder haben sie ihn nie angeschaut?
Genau diese Frage kann Eye Tracking beantworten.
Einfach erklärt
Eye Tracking, auf Deutsch Blickverfolgung, misst, wohin Menschen auf einem Bildschirm schauen, wie lange und in welcher Reihenfolge. Ein spezielles Gerät erfasst dafür die Bewegungen der Augen, während jemand eine Website oder App nutzt.
Ein Vergleich aus dem Alltag: Wenn du jemandem beim Zeitunglesen über die Schulter schaust, siehst du nur, welche Seite aufgeschlagen ist. Eye Tracking ist so, als könntest du zusätzlich einen Laserpointer sehen, der genau anzeigt, welche Zeile die Person gerade liest und welche sie überspringt.
Wie Eye Tracking funktioniert
Die meisten Geräte arbeiten mit Infrarotlicht, das für das Auge unsichtbar ist. Es erzeugt Reflexionen auf Pupille und Hornhaut. Eine Kamera nimmt diese Reflexionen auf, und eine Software berechnet daraus den Blickpunkt. Vorher wird das Gerät für jede Person kalibriert, indem sie einige Punkte auf dem Bildschirm fixiert.
Ausgewertet werden vor allem Fixationen, also kurze Momente, in denen der Blick auf einer Stelle ruht, und Sakkaden, die schnellen Sprünge dazwischen. Daraus entstehen Gaze Plots, die den Blickverlauf einer einzelnen Person zeigen, und Heatmaps, die viele Personen zusammenfassen.
Bekannt wurde Eye Tracking im UX-Bereich durch die Studien der Nielsen Norman Group. 2006 beschrieb Jakob Nielsen auf Basis von Aufzeichnungen mit 232 Personen das sogenannte F-Muster: Viele lesen zuerst eine Zeile oben quer, dann eine kürzere weiter unten und scannen danach den linken Rand hinunter. Spätere Auswertungen zeigen, dass dieses Muster vor allem bei unstrukturierten Textwüsten auftritt. Gute Zwischenüberschriften und kurze Absätze lenken den Blick besser. Mehr dazu im Artikel Wie man Inhalte richtig strukturiert.
Kosten und Grenzen
Eye Tracking ist aufwendig. Du brauchst Hardware, Software, ein ruhiges Setup und Erfahrung in der Auswertung. Für aussagekräftige Heatmaps empfiehlt die Nielsen Norman Group rund 30 Personen pro Heatmap, deutlich mehr als bei einem klassischen Usability-Test.
Dazu kommen methodische Grenzen. Eye Tracking zeigt, wohin jemand schaut, aber nicht, ob die Person etwas verstanden hat oder warum sie es übersieht. Lautes Denken stört die Messung, weil Menschen beim Sprechen länger auf einer Stelle verweilen. Brillen oder unruhiges Sitzen können die Kalibrierung erschweren. Für die meisten Fragen reicht ein einfacher Test mit Beobachtung völlig aus.
Ein Beispiel
Ein Beispiel: Bei der Produktseite von oben zeigen die Blickdaten, dass kaum jemand den Kasten rechts anschaut. Er sieht aus wie Werbung und wird übersprungen. Das Team verschiebt den Versandhinweis direkt unter den Preis, formatiert ihn als normalen Text und beginnt ihn mit dem Wort „Versand“. Die Anfragen aus dem Ausland gehen zurück.
In der Praxis
- Setz es gezielt ein. Eye Tracking lohnt sich vor allem für konkrete Fragen zur Wahrnehmung, etwa ob ein Hinweis gesehen wird oder wie eine Startseite gescannt wird.
- Kombiniere es mit Befragung. Ein kurzes Gespräch nach der Aufgabe klärt, warum jemand etwas übersehen oder lange angeschaut hat.
- Nutze die bekannten Muster. Auch ohne eigenes Labor kannst du aus den Erkenntnissen lernen: Wichtiges nach oben und links, aussagekräftige Wörter an den Anfang von Überschriften und Listenpunkten.
Verwandte Begriffe
Heatmap, Usability-Test, Cognitive Load, Informationsarchitektur
Quellen
- Jakob Nielsen: F-Shaped Pattern For Reading Web Content. Nielsen Norman Group, 2006
- Kara Pernice: F-Shaped Pattern of Reading on the Web: Misunderstood, But Still Relevant (Even on Mobile). Nielsen Norman Group, 2017
- Tobii: How do eye trackers work? Tobii Learn Articles
- Shari Thurow: Eyetracking and SEO: Fad, Fact, Or Fiction? Search Engine Land