Zum Inhalt springen
InsideUX Design

UX-Glossar

Tree Testing

Tree Testing ist eine Research-Methode, mit der du prüfst, ob Menschen Inhalte in einer Navigationsstruktur finden. Getestet wird nur die Gliederung aus Begriffen, ganz ohne Design.

Stell dir vor, ein Onlineshop für Outdoor-Ausrüstung hat ein neues Menü entworfen. Es sieht aufgeräumt aus, alle im Team finden es logisch. Doch die entscheidende Frage ist eine andere: Findet jemand, der zum ersten Mal da ist, die Rücksendung, die Größentabelle für Wanderschuhe oder den Gutschein für die Familie? Genau das prüft ein Tree Test, und zwar bevor auch nur ein Screen gestaltet ist.

Einfach erklärt

Tree Testing ist eine Research-Methode, mit der du prüfst, ob Menschen Inhalte in einer Navigationsstruktur finden. Der „Baum“ (englisch tree) ist dabei die reine Gliederung deiner Website: Hauptkategorien, Unterkategorien und darunter die einzelnen Seiten, ohne Farben, Bilder oder Layout. Teilnehmende bekommen Aufgaben und klicken sich durch diese Textstruktur, bis sie glauben, am Ziel zu sein.

Ein Vergleich aus dem Alltag: Du stehst in einem Baumarkt, in dem alle Regale leer sind und nur die Schilder hängen. Findest du allein anhand der Schilder den Gang mit den Dübeln? Wenn nicht, liegt das Problem an den Schildern und an der Ordnung, nicht an der Ware.

Die Methode wurde früher auf Papier mit Karteikarten durchgeführt. Donna Spencer hat sie 2003 als „Card-Based Classification Evaluation“ beschrieben. Manchmal heißt sie auch „Reverse Card Sorting“, weil sie den umgekehrten Weg zum Card Sorting geht: Dort entsteht eine Struktur, hier wird sie überprüft.

Was du misst

Die wichtigsten Kennzahlen sind die Erfolgsquote (Wie viele landen an der richtigen Stelle?), die Direktheit (Wie viele finden den Weg ohne Umwege und Zurückklicken?) und die Zeit pro Aufgabe. Besonders aufschlussreich ist der erste Klick. Laut Nielsen Norman Group sagt er oft voraus, ob jemand die Aufgabe am Ende schafft. Verteilen sich die ersten Klicks auf mehrere Hauptkategorien, überschneiden sich diese vermutlich zu stark.

Ein Beispiel

Zurück zum Outdoor-Shop. Vorher steckt die Rücksendung unter „Mein Konto“ und die Größentabelle unter „Service“. Im Tree Test mit der Aufgabe „Deine neuen Wanderschuhe sind zu klein. Wo startest du den Umtausch?“ suchen viele unter „Hilfe“ oder direkt bei „Schuhe“. Nur ein kleiner Teil landet beim richtigen Punkt. Das Team benennt „Service“ in „Hilfe und Rückgabe“ um, verlinkt die Größentabelle zusätzlich auf jeder Schuhkategorie und testet erneut. Nachher finden deutlich mehr Testpersonen auf Anhieb den richtigen Weg.

Häufige Missverständnisse

Ein Tree Test ist kein vollständiger Usability-Test. Weil Suche, Bilder und Seitenkontext fehlen, zeigt er nur, wie gut Struktur und Begriffe allein funktionieren. In der fertigen Website kann das Ergebnis besser oder schlechter ausfallen. Das ist kein Nachteil, sondern der Zweck: So erkennst du, ob ein Problem an der Informationsarchitektur liegt oder an der Gestaltung. Mehr zur Gliederung von Menüs liest du im Artikel Flat vs Deep Hierarchy: Welche Struktur ist die Beste?

In der Praxis

  • Verrate die Antwort nicht. Formuliere Aufgaben ohne die exakten Begriffe aus dem Menü. Statt „Finde die Rücksendung“ besser „Die Schuhe passen nicht. Was tust du?“.
  • Starte mit einer leichten Aufgabe. Eine einfache Aufwärmaufgabe hilft beim Einstieg und zeigt dir, wer nicht aufmerksam mitmacht.
  • Vergleiche Varianten fair. Wenn du zwei Strukturen gegeneinander testest, nutze dieselben Aufgaben und getrennte Gruppen. Für belastbare Unterschiede empfiehlt die Nielsen Norman Group typischerweise 50 oder mehr Teilnehmende pro Variante.

Verwandte Begriffe

Card Sorting, Informationsarchitektur, Usability-Test, Mentales Modell

Quellen