UX-Glossar · engl. Information Scent
Information Scent
Information Scent beschreibt, wie gut Menschen anhand von Hinweisen wie Linktexten einschätzen können, ob ein Klick sie zu dem führt, was sie suchen.
Stell dir vor, du willst auf der Website deiner Stadtverwaltung herausfinden, wie du einen neuen Personalausweis beantragst. Im Menü stehen „Bürgerservice“, „Leben in der Stadt“ und „Rathaus aktuell“. Alles könnte passen, nichts passt eindeutig. Du klickst auf gut Glück, landest bei Veranstaltungshinweisen und gehst zurück. Nach dem dritten Fehlversuch suchst du lieber bei Google.
Was hier fehlt, ist eine gute Fährte.
Einfach erklärt
Information Scent (auf Deutsch etwa „Informationsfährte“) beschreibt, wie gut Menschen anhand von Hinweisen einschätzen können, ob ein Link oder eine Seite sie zu dem führt, was sie suchen. Der Vergleich kommt aus der Tierwelt: Ein Tier folgt der Witterung von Futter. Menschen folgen auf Websites Hinweisen wie Linktexten, Überschriften und Bildern. Wird die Spur stärker, gehen sie weiter. Wird sie schwächer, kehren sie um oder geben auf.
Der Begriff stammt aus der Information Foraging Theory, auf Deutsch etwa Theorie der Informationssuche nach dem Vorbild der Nahrungssuche. Peter Pirolli und Stuart Card entwickelten sie in den 1990er-Jahren am Forschungszentrum PARC in Palo Alto. Sie übertrugen Modelle aus der Verhaltensbiologie, die beschreiben, wie Tiere Aufwand und Ertrag bei der Futtersuche abwägen, auf die Suche nach Informationen. 1999 veröffentlichten sie die Theorie in der Fachzeitschrift Psychological Review.
Woraus die Fährte besteht
Die Nielsen Norman Group beschreibt Information Scent sinngemäß als die Einschätzung, wie viel Nutzen eine Quelle bringen wird. Diese Einschätzung speist sich aus zwei Dingen. Erstens aus dem, was Menschen sehen: Linktext, kurze Beschreibung daneben, Bilder und das Umfeld auf der Seite. Zweitens aus dem, was sie schon wissen: Erfahrungen mit einer Marke, Fachwissen oder Empfehlungen von anderen.
Wichtig: Die Fährte ist immer relativ zum Ziel. Ein Link „Tarife“ riecht stark für jemanden, der Preise vergleichen will, und schwach für jemanden, der eine Störung melden möchte. Außerdem ist sie nur eine Schätzung. Sie kann in die Irre führen, und genau dann entstehen Frust und Abbrüche.
Eng damit verbunden ist die Informationsarchitektur. Sie entscheidet, welche Begriffe überhaupt in Menüs und auf Übersichtsseiten auftauchen. Mehr dazu im Artikel Einführung in die Informationsarchitektur.
Ein Beispiel
Zurück zur Stadtverwaltung, als Beispiel für eine Überarbeitung. Vorher: drei vage Menüpunkte, die alles und nichts versprechen. Nachher: Das Team prüft mit einem Tree Testing, unter welchen Begriffen Menschen ihre Anliegen erwarten. Ein Bereich heißt nun „Ausweise, Pässe und Meldewesen“, darunter stehen die häufigsten Anliegen als kurze Liste. Die Zielseite trägt oben direkt die Überschrift „Personalausweis beantragen“. Wer klickt, sieht sofort: Hier bin ich richtig.
In der Praxis
- Schreib Linktexte, die das Ziel beschreiben. „Mehr erfahren“ oder interne Produktnamen geben keine Fährte. Begriffe aus der Sprache deiner Zielgruppe schon.
- Bestätige die Fährte auf der Zielseite. Überschrift und erster Bildschirm sollten das Versprechen des Links aufgreifen. Sonst zweifeln Menschen und kehren um.
- Verzichte auf Clickbait. Reißerische Teaser bringen kurzfristig Klicks. Wer sich getäuscht fühlt, vertraut den nächsten Links aber weniger.
Verwandte Begriffe
Informationsarchitektur, Tree Testing, Card Sorting, UX Writing